plusbildung beteiligte sich am Forschungsprogramm der Universität Zürich «Digital Religion(s)» beim Projekt «Post-Digital (Inter-)Religious Education» (Dr. Jasmine Suhner und Prof. Thomas Schlag).
Der Bericht von Jasmine Suhner «plusbildung digital – Für eine zukunftsfähige (inter-)religiöse Erwachsenenbildung in digitaler Gesellschaft» zeigt die zehn wichtigsten Kernbotschaften auf.
Zudem existiert mit «plusbildung digital – Hinweise zur Weiterentwicklung von Kompetenzen für Transformationsaufgaben in digitaler Gesellschaft» eine praxisorientierte Ergänzung zum Forschungsbericht
Von Thomas Stucki
Der Verband plusbildung vertritt über vierzig Schweizer Bildungshäuser mit christlichem Hintergrund. Es sind Orte, die touristisch und zugleich spirituell geprägt sind. Im Gespräch mit Christian Cebulj, der Formen der Religion im Tourismus erforscht.
Reisen und Spiritualität haben viel miteinander zu tun: beide handeln vom Unterwegssein, von Begegnung und von Resonanz. Und damit von etwas, das Menschen in ihrem Inneren berührt. Christian Cebulj forscht an der Theologischen Hochschule Chur darüber, wie Reisen und Spiritualität zusammenhängen und sagt: «Die Menschen suchen in ihren Ferien nicht nur den Strand.» Im Offensein für Sinnfragen auf Reisen sieht er ein Bedürfnis nach persönlicher Entwicklung. Es habe mit dem Megatrend der Wissenskultur zu tun, fährt er fort. Megatrends, das sind jene Treiber gesellschaftlicher Veränderung, welche das Zukunftsinstitut mit Sitz in Frankfurt und Wien jährlich in einer «Megatrend-Map» darstellt. Zu den Einflussfaktoren dieser Megatrends gehört unter anderem, konstruktiv über seine Werte nachzudenken, sich auf langfristige Entscheidungszyklen einzustellen und ins Handeln zu kommen. Es sind Faktoren wie diese, welche bei den Mitgliedsorganisationen von plusbildung thematisiert werden, einem Verband christlicher Bildungshäuser in der Schweiz, deren Angebot sowohl touristisch als auch religiös geprägt ist.
Religion als Option Die Qualität eines touristischen Standortes, der gleichzeitig auch spirituell geprägt ist, kann sich auf einer kulturellen, einer sozialen, einer wirtschaftlichen, einer ästhetischen und auf einer religiösen Ebene zeigen. Dabei ist der Trend der Selbstfindung ein Glücksfall für die Bildungshäuser von plusbildung, das Bedürfnis der Menschen nach Entschleunigung, nach Resonanz, das Offensein für Sinnfragen. Der Wunsch nach Spiritualität allerdings ist nicht mehr an die Institution Kirche gekoppelt; Religion ist eine Option, keine Pflicht mehr. Christian Cebulj bestätigt: «Heute kann ich auswählen, was mir guttut» Und weil man aus einer Vielzahl von Angeboten auswählen könne, sei es wichtig, dass Standorte, wie etwa religiös ausgerichtete Bildungshäuser, wissen, was sie zu bieten hätten, wo sie stark seien, wo sie allenfalls etwas aufbauen müssten. «Placemaking» nennt sich diese Auseinandersetzung mit dem eigenen Angebot, was so viel bedeutet wie Standortentwicklung.
Perspektivenwechsel Religion als Tourismusfaktor verlange von Anbietern wie etwa den Mitgliedern von plusbildung einen Perspektivenwechsel, sagt Christian Cebulj: «Sie müssen die Sicht auf Religion von aussen und von innen miteinander verbinden.» Ein Perspektivenwechsel sei das deshalb, weil das kirchliche Angebot für Erwachsenenbildung nicht mehr nur Menschen anspreche, die vertraut mit Kirche seien: «Heute gehören eben auch Menschen zu ihrer Klientel, die Religion von aussen anschauen.» Man sehe das zum Beispiel bei Pilger-Angeboten, an denen Menschen teilnähmen, die «mild» religiös seien, wie es der Mainzer Theologe Kristian Fechtner ausdrücke. Menschen also, die offen seien für Input, es aber schätzten, wenn sie selbst entscheiden könnten, ob sie eher an einem theologischen oder einem philosophischen Thema interessiert seien. Er unterscheide deshalb zwischen Erlebnis und Erfahrung von Religion. Bei Angeboten, die sowohl touristisch als auch religiös seien, stehe immer das Erlebnis im Vordergrund, das habe seine Forschung gezeigt: «Die Erfahrung von Religion kann dazukommen, muss aber nicht», macht er deutlich. Deswegen brauche es Expertinnen und Experten, welche diesen Perspektivenwechsel, die Aussen- und Innensicht auf Religion zu verbinden, professionell umsetzen könnten.
Nicht nur für Eingeweihte Der Wunsch, Sinn zu finden, sich zu orientieren und persönlich zu entwickeln, sei ein Grundbedürfnis, erinnert Cebulj. Für die Mitgliederhäuser von plusbildung empfehle es sich darum, ihre Angebote niederschwellig zu gestalten, erklärt er. Also nicht nur für eine «eingeweihte» Gruppe von Menschen. Das lasse sich gut mit den Einflussfaktoren des Megatrends der Wissenskultur verbinden, etwa konstruktiv über seine Werte nachzudenken, sich auf langfristige Entscheidungszyklen einzustellen und ins Handeln zu kommen. Als Beispiele dafür fallen ihm von den über vierzig plusbildung-Häusern spontan das Gästehaus Bethanien, die Kartause Ittingen und das Zentrum Ranft ein. Zum Reflektieren, also konstruktiv mit Werten umgehen, lade etwa das Gästehaus Bethanien ein, mit seinen Einkehrtagen, der Kombination von Bergwanderung und Gebet und auch mit dem innovativen Bildungskonzept LUMEUM, einer Multimedia-Show im ehemaligen Schwimmbad des Klosters. Vorausschauen, bzw. umschalten auf langfristige Entscheidungszyklen, könne man in der Kartause Ittingen, wo sich kreative Ideen und neue Konzepte entwickeln liessen. Das Heft in die Hand nehmen schliesslich, also ins Handeln kommen, passe gut zum Zentrum Ranft mit seinen Klimagesprächen und dem ökologischen Bildungsprogramm. An diesen drei Standorten zeigt sich exemplarisch die Verbindung von touristischer und spiritueller Ebene; Bethanien und Ittingen sind ehemalige Klöster, das Zentrum Ranft war ein Haus der Dorothea-Schwestern.
Raum und Biografie Doch wenn Spiritualität nicht mehr nur an Kirche gekoppelt ist und Religion eine Option – warum belegen dann Sagrada Família, Petersdom und Mailänder Dom die ersten drei Ränge der zehn beliebtesten Sehenswürdigkeiten Europas? Auch hierzulande: am Zürcher Fraumünster standen schon zweitausend Menschen Schlange, um die weltberühmten Chagall-Fenster zu sehen – warum suchen Menschen in ihren Ferien sakrale Orte auf, während immer mehr die Kirche verlassen? Studien zeigen: Meist führen Architektur und Geschichte in die Kirche – im Kirchenschiff jedoch lässt sich selbst der nüchterne Blick überraschend oft auf einen Hauch Spiritualität ein. Hinweis darauf sind womöglich die Dutzenden von Votivkerzen, die an solchen Orten entflammt werden. «Gerade bei Menschen, die sich nicht als religiös bezeichnen würden, kann ein sakraler Raum etwas Persönliches anklingen lassen», erklärt Christian Cebulj. Der eigentliche Grund für einen Besuch sei zum Beispiel das Interesse an einer Epoche, Religion sei aber verbunden mit dem sakralen Raum, das lasse sich nicht voneinander trennen: «Räume haben das Potenzial, Religion aufzudecken», sagt er. Wer schon Kontakt gehabt habe, finde womöglich etwas wieder, eine Erinnerung aus der eigenen Biografie oder es könne ein Interesse geweckt werden, wo bisher keines gewesen sei. Dieses Potenzial sakraler Räume, etwas in den Menschen anklingen zu lassen, ist eine Chance für die Häuser von plusbildung. Womöglich fällt es den Menschen leichter, sich ihrem Bedürfnis nach Einkehr über einen touristischen Zugang als über einen kirchlichen zu öffnen. Einmal eingetreten, wirkt der sakrale Raum – ohne grosse Worte.
Neue Plattform für Kulturtourismus Derzeit begleitet Christian Cebulj das Projekt «Swiss Religious Heritage» vom Verein Kirchen + Tourismus Schweiz. Dabei geht es um eine neue digitale Plattform, die den Kulturtourismus rund um Kirchen, Klöster, Pilgerwege und sakrale Kulturlandschaften stärken soll. «Unabhängig von deren religiöser oder konfessioneller Zugehörigkeit», heisst es dazu auf der Website des Staatssekretariats für Wirtschaft (SECO), welches das Projekt mit 360’000 Franken unterstützt. Partner im Projekt sind mehrere Tourismusorganisationen und kirchliche Institutionen. Durch die neue Plattform sollen diese Angebote erstmals schweizweit gebündelt, digital vernetzt und über touristische Vertriebskanäle zugänglich gemacht werden.
plusbildung Dem Schweizer Dachverband von Organisationen kirchlicher Erwachsenenbildung gehören über vierzig Bildungshäuser, Fachstellen und Organisationen aus dem katholischen, evangelisch-reformierten und ökumenischen Umfeld an. Der Verband wird vom Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation (SBFI) mit einem Leistungsauftrag sowie von den römisch-katholischen und den evangelisch-reformierten Landeskirchen finanziell unterstützt. Auf europäischer Ebene ist plusbildung vernetzt mit Oikosnet Europe, einem Verbund von über dreissig christlichen Akademien aus 18 Ländern plusbildung.ch
Curriculum Christian Cebulj (*1964) ist Professor für Religionspädagogik an der Theologischen Hochschule Chur. Der promovierte Theologe leitete Studienreisen in den Nahen Osten, wirkte an der Technischen Universität Dresden, war Lehrbeauftragter für Bibeldidaktik an der katholischen Universität Eichstätt und wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Koblenz-Landau. Cebulj leitet das Forschungsprojekt «Religion – Kultur – Tourismus» der Theologischen Hochschule Chur und ist Mitglied der Geschäftsleitung des Vereins «Kirchen + Tourismus Schweiz» thchur.ch
Forschungsschwerpunkte
Religion und Tourismus – Reisen als spirituelle Sinnsuche, religiöse Erfahrung und touristisches Erleben
Sakralräume und Bildung – Kirchen, Klöster und ihr Potenzial im Kulturtourismus
Religiöses Kulturerbe und gesellschaftliche Relevanz – Über die Beliebtheit von Kirchenräumen trotz Mitgliederschwund
Netzwerk für das kulturelle Erbe Europas
Die Theologische Hochschule Chur ist Mitglied im Netzwerk Future for Religious Heritage (FRH), einer gemeinnützigen Organisation für den Schutz religiöser Bauwerke in Europa. Im Jahr 2011 gegründet, gehören dem nicht-religiösen und unabhängigen Verband über 200 staatliche, religiöse sowie universitäre Organisationen an. Future for Religious Heritage (FRH) ist Partner im Forschungsprojekt «Religion – Kultur – Tourismus» der Theologischen Hochschule Chur frh-europe.org
Lesetipps
Cebulj C., Jahn AL. (2025): Räume, Ruhe, Rituale, in: Kirche im Tourismus, Diakonia, Internationale Zeitschrift für die Praxis der Kirche, 56. Jahrgang, Heft 2, Mai 2025, Herder Verlag, Freiburg i. Br., Basel, Wien.
Cebulj C., Höger C., Wasmeier-Sailer M. (Hg.) (2024): Topo-Theologie: Religion und Raum, Theologische Berichte 43, Herder Verlag, Freiburg i. Br., Basel, Wien.
Cebulj C., Schlag T. (Hg.) (2021): Zwischen Kreuzfahrt und Klosterküche, Formen kirchlicher Präsenz im Tourismus, Theologischer Verlag Zürich.
Fechtner K. (2023): Mild religiös, Erkundigungen spätmoderner Frömmigkeit, Kohlhammer Verlag, Stuttgart.

Bild: Verein Sakrallandschaft Innerschweiz
Der Theologe Daniel Schmid Holz ist der neue Präsident von plusbildung. Im Gespräch mit dem St. Galler Pfarrer über seine Ziele mit dem Dachverband für kirchliche Erwachsenenbildung, Inspiration und Vielfalt sowie seine späte Berufung zur Trompete.
Daniel Schmid Holz, Sie waren bei der Gründung der St. Galler Agenda 2030 dabei und engagieren sich in der Südosteuropa-Gruppe der Gemeinschaft Evangelischer Kirchen Europas. Ist es ein Zufall, dass Sie Trompete spielen, die für Aufbruch steht, für Wandel, für den Übergang in eine neue Zeit? Dass ich Trompete spiele, hat weniger mit Aufbruch zu tun, sondern mit einer Sehnsucht. Diese hatte ich seit meiner Kindheit und als ich Dreissig war, beschloss ich, endlich Trompete zu lernen. Kurz darauf fielen mir Zeichnungen aus Kindertagen in die Hände – von einer Trompete. Übrigens ist der Einsatz als Signal, etwa als Flügelhorn im Militär und auf der Jagd nur eine Form der Trompete. Sie ist auch ein Solo-Instrument. Persönlich spiele ich sie gern in einer Band. Dort geht es darum, eben nicht über die anderen hinwegzuspielen, sie nicht zu übertönen.
Was hat Sie motiviert, das Präsidium von plusbildung zu übernehmen? Meine Überzeugung, dass dieser Verband bestehen bleiben muss. Ich arbeite seit langer Zeit in der Erwachsenenbildung, früher an zwei kirchlichen Tagungszentren und bis heute in der reformierten Landeskirche des Kantons St. Gallen. Deshalb sehe ich, welche Bedeutung das Thema hat, für das sich plusbildung einsetzt. Zugleich ist es für die Menschen, die sich in diesem Bereich engagieren, wichtig, einen Ort zu haben, wo sie Gleichgesinnte finden. Sich austauschen können.
Was reizt Sie an dieser Aufgabe besonders? Den Verband gesamtschweizerisch zu stärken, sprachübergreifend. Die Zusammenarbeit mit Kolleginnen und Kollegen der Romandie. Miteinander unterwegs sein zu können.
Die Strategie von plusbildung setzt auf Identität und Profilbildung. Wie werden Sie diesen Fokus ansteuern? Obwohl es den Verband schon über zehn Jahre gibt, kennen die Mitgliedsorganisationen einander kaum. Das erschwert die Zusammenarbeit im Verband und auch, dass man aufeinander zugeht. Ich möchte das ändern und ein Format schaffen, bei dem man sich gegenseitig kennenlernt. Dazu gehören auch Portraits der Mitgliedshäuser und Personen für die sozialen Netzwerke und die Website.
Die Mitgliedsorganisationen von plusbildung kämpfen teils ums Überleben. Was kann der Verband tun, ihre Angebote zu stärken? Er kann seine Öffentlichkeitsarbeit ausbauen und auch Kirchenleitungen und Bildungsgremien der Kirche ansprechen. Ihnen diese Form der Erwachsenenbildung bekannt machen.
plusbildung versteht sich als ökumenische Plattform – wo sehen Sie das grösste Potenzial? Indem plusbildung ökumenisch aufgestellt ist, hat der Verband eine grössere Vielfalt, als wenn er nur evangelisch, katholisch oder christkatholisch ausgerichtet wäre. Es verbindet uns, dass wir Bildung auf einem kirchlichen Hintergrund anbieten, auf einem christlichen Hintergrund. Und das können wir als Verband zeigen.
Wo sehen Sie Herausforderungen einer ökumenischen Ausrichtung? In unserer Verschiedenheit. Deshalb finde ich es wichtig, zu betonen, dass eine ökumenische Ausrichtung ein Miteinander bedeutet, ein miteinander unterwegs sein, als gleichwertige Partnerinnen und Partner. Die einzelnen Mitglieder sollen ihre Eigenheit bewahren können. So können wir einander inspirieren. Das ist unsere Chance.
Was möchten Sie in den ersten Monaten Ihrer Präsidentschaft anpacken? Der zentrale Punkt wird unsere Öffentlichkeitsarbeit sein.
Wie begegnen Sie Skepsis gegenüber kirchlicher Bildung? Ich versuche, gute Begegnungen zu schaffen. Für Menschen, die es wagen, an einem Angebot unter dem Label «Kirche» teilzunehmen und dann vielleicht sagen können, dass ihnen das gefallen hat.
Was bedeutet für Sie persönlich «kirchliche Bildung» im 21. Jahrhundert? Dass einerseits die Menschen, die noch in der Kirche sind, mit der Tradition der Kirche vertraut werden. Andererseits finde ich es zentral, dass Kirche im gesellschaftlichen Leben als Partnerin wahrgenommen wird, die einen Beitrag zu einem guten Leben leistet. Dass sich die Kirche nicht auf sich selbst zurückzieht.
Sie sind seit 17 Jahren Bildungsbeauftragter der reformierten Landeskirche St. Gallen und haben zehn Jahre ein Bildungshaus geleitet. Für wen sind kirchliche Angebote für Erwachsenenbildung interessant? Wir haben heute im kirchlichen Bildungsbereich zunehmend ein Publikum, welches sich zwar für Kirche interessiert, aber nicht vertraut ist mir ihrer Tradition, mit theologischen Fragen. Es ist ein Publikum, dem im weitesten Sinn auch das Christentum fremd geworden ist. Und aus der Tradition der Sozialethik hat die Kirche den Auftrag, sich damit zu befassen, was Menschen existenziell beschäftigt. Was ihre Fragen nach dem Anfang und dem Schluss des Lebens sind. Etwa pränatale Diagnostik, das Sterben, auch Fragen bezüglich dem Klimawandel, wie wir damit umgehen, uns verhalten, Fragen von Krieg und Frieden. Es sind Fragen bezüglich des Lebensstils: Wie soll ich leben, damit ich mich wohl fühle, damit ich ein gutes Leben lebe?
Das heisst, die Angebote der Mitglieder von plusbildung setzen nicht voraus, dass ich gläubig bin? Genau. Es ist wie beim barmherzigen Samariter, der an einem verletzten Menschen vorbeikam und nicht fragte, welchen Glauben dieser habe, bevor er ihm half, sondern handelte. So ist es mit der kirchlichen Bildung und der Öffentlichkeit; wir wenden uns an Menschen, die mit Fragen unterwegs sind und zuerst geht es einfach darum, dass wir wie ein Echolot sind, um zu sehen, wo der Puls der Menschen ist. Es ist kein Religionsunterricht. Zum Beispiel das Lassalle-Haus, wo Stille und Meditation wichtig sind. Natürlich entstand das vor dem Hintergrund von Buddhismus und Christentum. Aber ich muss nicht Buddhist oder Christ sein, um zu entdecken, dass mir Stille und Meditation gut tun können. Darum geht es. Nicht um eine Frömmigkeit. Heute ist die Frage, wer ich bin, viel bedeutender als zu anderen Zeiten und wenn diese Frage mit einem Bedürfnis, einer Sehnsucht zusammenkommt, auch spirituell berührt zu werden, gibt es ganz unterschiedliche Formen, das zu pflegen.
Angenommen, es gäbe die Arbeit nicht. Würden Sie sie wollen? Arbeit? Auf jeden Fall! Ich kann nicht ohne sein.
Glauben Sie, Sie werden generell unterschätzt oder überschätzt? Was wäre Ihnen lieber? Diese Frage stelle ich mir selten. Ich denke, ich stelle mein Licht eher etwas unter den Scheffel. Mir ist es durchaus wohl, etwas, wie soll ich sagen, nicht unterschätzt zu werden, aber etwas «underdressed» unterwegs zu sein.
Zur Person Daniel Schmid Holz (65) ist promovierter Theologe und Pfarrer, seit 2008 Beauftragter für Erwachsenenbildung der Evangelisch-reformierten Kirche des Kantons St. Gallen und seit drei Jahren im Vorstand von plusbildung. Er ist Gründungsmitglied der St. Galler «Agenda 2030» und Mitglied der Südosteuropa-Gruppe der Gemeinschaft Evangelischer Kirchen Europas (GEKE). Er leitete während zehn Jahren den Bildungsbereich des evangelischen Tagungs- und Studienzentrums Boldern und war 18 Jahre Vorsitzender des ständigen internationalen Ausschusses des Deutschen Evangelischen Kirchentags.
Ökumenische Erwachsenenbildung plusbildung ist ein schweizweiter Verband von über vierzig Bildungshäusern, Fachstellen und Organisationen aus dem katholischen, evangelisch-reformierten und ökumenischen Umfeld. Sein Ziel ist die Stärkung christlich begründeter Erwachsenenbildung. Der Verband wurde im Jahr 2013 gegründet plusbildung.ch
Interview: Thomas Stucki
Im Gespräch mit Walter Lüssi über den Bildungsauftrag der Kirche, das Handeln sowie den Mut, Position zu beziehen. Der ehemalige Zürcher Kirchenratsschreiber hatte den Verband plusbildung gegründet und gibt nun das Präsidium an Daniel Schmid Holz weiter.
Walter Lüssi, Sie waren Gemeindepfarrer, Glarner Kirchenratspräsident, Radioprediger, Pfarrer für Menschen mit einer geistigen Behinderung, Vorstandspräsident der Mission 21, Studienleiter auf Boldern, Zürcher Kirchenratsschreiber, die letzten zwölf Jahre Präsident von plusbildung und seit acht Jahren Präsident von Oikosnet Europe. Finden Sie jetzt wieder Zeit für die Klarinette? Als ich pensioniert wurde, holte ich meine Klarinette wieder hervor. Noch ist es nicht ganz so weit, aber die Zeit wird kommen. Ich habe jedenfalls damit angefangen, jeden Abend, manchmal auch am Morgen, wieder klassische Musik zu hören. Ich lasse Raum dafür.
Wenn Sie auf Ihre Zeit als Präsident von plusbildung zurückblicken – was war für Sie persönlich ein Meilenstein dieser Zeit? Sicher einmal, dass der Verband plusbildung überhaupt zustande kam. Ich war endlos neugierig und bin es immer noch. Als Jugendlicher verschlang ich die Werke von Albert Schweitzer. Er hatte beschlossen, dem Wort den Vorzug vor dem Handeln geben zu wollen. Ich fand das ebenfalls wichtig, kam hingegen zum Schluss, das Wort müsse transportiert werden, zum Handeln werden: Schauen, Urteilen, aufgrund von Kriterien und dann Handeln. Diese Ansicht begleitete mich bei allem, das ich machte. Wir sollten uns einmischen, Schauen, Urteilen, Handeln. Das war mein persönlicher Grundgedanke für plusbildung.
Möchten Sie in Erinnerung bleiben? Weniger als Person, aber wenn etwas von dem, was ich initiiert habe, eine gewisse Zeit weiterlebt, würde ich mich freuen.
Welchen Ruf haben Sie? Sehr unterschiedlich. Ich kann in der trockensten Sitzung einen Kommentar bringen, der die Leute zum Schmunzeln bringt. Und zugleich beharrlich dranbleiben. Zuwarten, bis der «Kairos» gegeben ist, der richtige Moment. Heute würde ich sagen, man traut mir zu, Menschen im Gespräch halten zu können; nur schon ins Gespräch bringen zu können. Und dann wird es Leute geben, die finden, ich könne nicht aufhören, ich sei doch jetzt Siebzig. Mir wäre es am liebsten, man würde über mich sagen, ich sei einer, der sich nicht vorschreiben lasse, wie man alt zu sein habe.
Welche Entwicklung im Verband macht Ihnen Mut? Wenn ich Mitglieder sehe, die neue Themen angehen, sich einmischen, neue Wege finden. Sich nicht in einer Nische einrichten, die im Moment noch funktionieren mag. Leider sind die Anzeichen deutlich, dass es schwierig ist, sich für Bildung einzusetzen, bei der nicht direkt sichtbar ist, was sie der Institution Kirche direkt bringt. Es gab zum Beispiel eine Diskussion darüber, dass bei Bildungsangeboten, bei denen der Staat anerkennt, dass damit Kompetenz für den Berufsalltag erweitert wird, man von der Mehrwertsteuer befreit ist, hingegen bei einem Angebot, das «nur» das persönliche Wohlbefinden stärkt, nicht. Gleichzeitig wissen wir, das psychische Erkrankungen zunehmen, also ist Persönlichkeitsbildung wichtig, nicht nur Dekoration, sonst zahlen wir es an einem anderen Ort, bzw. sparen am falschen Ort. Es geht um Resilienz in unserer Gesellschaft, zu der Spiritualität und Glaube beitragen.
Wo sehen Sie eine Herausforderung für den Verband? Ganz konkret: es geht um Geld, Ressourcen, um Stakeholder, denen die Arbeit von plusbildung etwas wert ist. Es braucht Menschen, die den Mut haben, das Evangelium nach aussen zu vertreten. Nicht in einem frommen Sinn, sondern im Sehen, Urteilen, Handeln. Das hat mit mir zu tun, weil ich mich selbst als Grenzgänger sehe zwischen Institution und Bewegung. Ich war Kirchenratsschreiber der Zürcher Kirche und engagierte mich, weil ich die Kirche mag, sie aber gleichzeitig kritisch sehe. Diese Spannung gehört zu mir, zu meinem Leben, meinem Handeln.
Viele Mitgliedsorganisationen nutzen den Verband kaum, andere engagieren sich aktiv. Was braucht es aus Ihrer Sicht, damit sich das ändert? Die Bandbreite der Mitglieder von plusbildung ist sehr gross und damit auch der Anspruch an den Verband. Die einen wollen uns als «Schaufenster», andere erwarten finanzielle Unterstützung vom Verband, weitere wünschen sich Reichweite durch ihre Mitgliedschaft bei plusbildung. Das Miteinander ist das Angebot des Verbands; das daraus etwas entsteht, das dem einzelnen Haus etwas zurückgibt. Und das es eine Stimme im Land gibt, welche die öffentliche Bildung der Kirchen als Kitt in unserer Gesellschaft versteht.
Das klingt nach einem «Reset» nach der Pionierphase. Geht es jetzt um eine Konsolidierung des Verbands? Es beginnt ein neues Kapitel von plusbildung. Die Mitglieder werden sich überlegen müssen, ob ihre Erwartungen erfüllt werden. Der Fokus dabei ist für mich auf dem Miteinander und einem klaren Fokus nach aussen.
Was möchten Sie Ihrem Nachfolger mitgeben? Mut, Beharrungsvermögen und viel Talent zum Verhandeln und in einem guten Gespräch sein zu können. Immer wieder daran erinnern, dass in der DNA der Kirche ein Bildungsauftrag eingeschrieben ist, der gesellschaftlich orientiert ist.
Wo sehen Sie die grösste Herausforderung kirchlicher Erwachsenenbildung? Wir sollten wieder mutiger sein, uns in gesellschaftliche Themen einmischen. Aus Angst vor Mitgliederverlust und Kürzung von staatlichen Geldern fehlt es an Haltung und Profil, wenn wir nicht sagen, was wir zu sagen haben zur Gegenwart; zu Friede, Versöhnung, Zusammenleben, den alten Themen, unserer Demokratie aktiv Sorge tragen. Ausserdem geht es für mich darum, im Gespräch zu bleiben, gerade mit Menschen, die aus der Kirche ausgetreten sind. Die womöglich gerade deshalb viel zu sagen haben zu Spiritualität und Kirche. An der Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen in Vancouver 1983 gab es einen starken Impuls: Sei mit der Vermutung unterwegs, im anderen gebe es eine Wahrheit, die deine Wahrheit bereichern könnte. Das bewegt mich. Auch das «Wächteramt» gehört dazu, gewisse Grundthemen immer wieder zu erinnern und sich engagieren. Auch deutliche Sprache. Dazu ein Beispiel in Zusammenhang mit der sogenannten Flüchtlingskrise: «Man lässt Menschen nicht ertrinken, Punkt», hörte ich einmal an einem Deutschen Evangelische Kirchentag. Kurz: Die erste Aufgabe der Kirche ist nicht, sich selbst zu erhalten, sondern, das Evangelium zu verkünden. Das ist eine grosse Herausforderung. Ich weiss. Aber letztlich geht es um eine Bewegung, die einen selbst bewegt. Davon bin ich überzeugt: man soll nichts tun, wofür man nicht Herzblut hat. Ich bin immer Teil dessen, was ich mache.
Zur Person Walter Lüssi (69) ist evangelisch-reformierter Pfarrer und seit acht Jahren Präsident von Oikosnet Europe. Er war Präsident von plusbildung seit 2013, während neun Jahren Vorstandspräsident von Mission 21, sechs Jahre Radioprediger, 13 Jahre Pfarrer für Menschen mit einer geistigen Behinderung, sechs Jahre Gemeindepfarrer in Linthal (GL), Glarner Kirchenratspräsident, Studienleiter auf Boldern und Zürcher Kirchenratsschreiber.
Ökumenische Erwachsenenbildung plusbildung ist ein schweizweiter Verband von über vierzig Bildungshäusern, Fachstellen und Organisationen aus dem katholischen, evangelisch-reformierten und ökumenischen Umfeld. Sein Ziel ist die Stärkung christlich begründeter Erwachsenenbildung. Der Verband wurde im Jahr 2013 gegründet plusbildung.ch
Die Europäische Föderation für Katholische Erwachsenenbildung FEECA hat vom 2. – 4. April 2025 zu ihrem Symposium
Ecumenism in adult education
in die Paulus Akademie nach Zürich eingeladen.
Walter Lüssi, Präsident von plusbildung und Oikosnet Europe, sprach zu «Ecumenical experiences and Implementation using examples from Switzerland»,
Frau Prof. Dr. Nicola Ottiger, Leiterin des Ökumenischen Instituts der Universität Luzern, referierte über «Foundations for ecumenical commitment»
und
P. Martin Werlen OSB, der ehemalige Abt des Klosters Einsiedeln, zu «Building sites of hope».
Walter Lüssi
Handout und Präsentation: Non-formale Bildun in ökumenischer Weite
Nicola Ottiger
Handout: Ökumene und Erwachsenenbildung
P. Martin Wehrlen OSB
Handout: Baustellen der Hoffnung
Aktuell zeigen der weltweite Synodale Weg der Römisch-katholischen Kirche (2021-2024) sowie synodale Prozesse in den verschiedenen Ländern ein verstärktes Interesse am Thema Synodalität. Zentral und unverzichtbar ist die Auseinandersetzung ebenso in einer ökumenischen Perspektive. Die Beiträge in diesem Band unterstützen und befördern den innerkatholischen wie den ökumenischen Diskurs, indem sie konfessions- und länderübergreifend theologische, pastorale und kirchenrechtliche Aspekte von kirchlicher Synodalität ausleuchten. Die Autorinnen und Autoren widmen sich Fragestellungen, die innerkirchliche und ökumenische Debatten in den kommenden Jahren prägen werden, und erörtern, welche Chancen es dabei zu ergreifen gilt.
Mit einem Geleitwort von Bischof Felix Gmür und Bischof em. Heinrich Bedford-Strohm.
Mit Beiträgen von Stefanos Athanasiou, Mario Fischer, Dagmar Heller, Martin Ernst Hirzel, Werner Höbsch, Ulrich H. J. Körtner, Daniel Kosch, Andreas Krebs, Nicola Ottiger, André Ritter, Dorothea Sattler, Thomas Söding, Irme Stetter-Karp, Adrian Suter und Dietmar W. Winkler.
Erschienen im Theologischen Verlag Zürich AG TVZ
Die diversen Beiträge zur Bildungswoche sind unter bildungswoche.ch/Neuigkeiten abrufbar.
Ökumene ist ein Lernprozess auf allen Ebenen von Theologie und Kirche. Im Bereich christlicher Bildung zeigen sich ungenutzte Chancen. 17 Autorinnen und Autoren reflektieren aus systematisch-theologischer, historischer, kirchlicher und religionspädagogischer Perspektive Bedeutung, Entwicklungen und Ziele ökumenischen Lernens in der Schweiz und in Deutschland. Befragt wird insbesondere das Potenzial eines genuin dialogischen, identitätsbildenden wie differenzsensiblen Lernens mit Blick auf didaktische Konzepte.
Ökumenisches Lernen in Schule, Katechese, Erwachsenenbildung und Gemeindepädagogik ist pädagogisch erfolgversprechend und dient darüber hinaus Entwicklungen in der Ökumene insgesamt. Ein Plädoyer für mehr Ökumene im Bereich christlicher Bildung.
Herausgeber: Nicola Ottiger, Eva Ebel, Christian Höger.
Im April 2024 erschienen. Theologischer Verlag Zürich. ISBN 978-3-290-20245-3
Ein Buch zum Thema „Nachhaltigkeit und Kirche“, das die dringende Debatte auch im kirchlichen Bereich weiterführt und Inputs liefert für Weiterbildungen, Vorträge, Podiumsdiskussionen etc.
Gemeinschaftsorientiertes Wohnen, sozialpolitisch-diakonisches Wirken sowie ressourcenschonendes und auf Gerechtigkeit bedachtes Wirtschaften – in diesem Buch wird aufgezeigt, dass „Nachhaltigkeit“ zum Kern der Kirche des Christentums zählt: Es präsentiert beispielhafte Initiativen und Traditionen und skizziert biblisch-theologische, historische sowie ethische Grundlagen.
Im ersten Band der neuen Reihe «Zürcher Zeitzeichen» – einer Initiative der Katholischen Kirche im Kanton Zürich – zeigen die Autorinnen und Autoren theologische Grundlagen auf, präsentieren bestehende Konzepte und Projekte und stellen Handlungsperspektiven vor. Ein Buch, das die dringende Debatte weiterführt und zu nachhaltigem Handeln für die Welt von heute und morgen motiviert.
Autor des Buches ist Detlef Hecking.
Was verbinden wir mit Erwachsenenbildung in der Zukunft?
Die Schweizerische Kirchenzeitung SKZ hat das Thema 2021 aufgenommen und sich selbst diese Frage im Team der Fachbereiche gestellt.
Es kam eine Fülle von Erfahrungen, Erwartungen und Vorstellungen zusammen…
Fazit: „Erwachsenenbildung zu gestalten, heisst für uns, sich gegenseitig zu inspirieren und voneinander zu lernen. …“
(Auszug aus dem Editorial der Ausgabe 21/2021)
«Ein Ort, wo das Geheimnis berührt wird»
Menschen suchen heute Authentizität, Wachstum und Beheimatung.
Ein Interview über die Entwicklungen, Herausforderungen und das Potenzial kirchlicher Erwachsenenbildung mit Claudia Mennen und Jean-Pierre Sitzler.
Link zum Beitrag (Ausgabe 21/2021 der SKZ)
Weitere Artikel (nur für Abonnenten oder im Rahmen eines kostenfreien Probeabos!): Ausgabe 21/2021
Ein damit teilweise verbundenes Thema: Professionalität in der Kirche – Ausgabe 14/2021
„Bildung für eine Kirche im Wandel – Die Professionalisierung der Seelsorge verlangt von Hauptamtlichen ständige Weiterentwicklung. Zum Beispiel für die Arbeit mit Freiwilligen oder die Auseinandersetzung mit den eigenen Zielen.“ Artikel von Christoph Gellner und Dorothée Foitzik