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Räume, die Religion aufdecken

Von Thomas Stucki

Der Verband plusbildung vertritt über vierzig Schweizer Bildungshäuser mit christlichem Hintergrund. Es sind Orte, die touristisch und zugleich spirituell geprägt sind. Im Gespräch mit Christian Cebulj, der Formen der Religion im Tourismus erforscht.

Reisen und Spiritualität haben viel miteinander zu tun: beide handeln vom Unterwegssein, von Begegnung und von Resonanz. Und damit von etwas, das Menschen in ihrem Inneren berührt. Christian Cebulj forscht an der Theologischen Hochschule Chur darüber, wie Reisen und Spiritualität zusammenhängen und sagt: «Die Menschen suchen in ihren Ferien nicht nur den Strand.» Im Offensein für Sinnfragen auf Reisen sieht er ein Bedürfnis nach persönlicher Entwicklung. Es habe mit dem Megatrend der Wissenskultur zu tun, fährt er fort. Megatrends, das sind jene Treiber gesellschaftlicher Veränderung, welche das Zukunftsinstitut mit Sitz in Frankfurt und Wien jährlich in einer «Megatrend-Map» darstellt. Zu den Einflussfaktoren dieser Megatrends gehört unter anderem, konstruktiv über seine Werte nachzudenken, sich auf langfristige Entscheidungszyklen einzustellen und ins Handeln zu kommen. Es sind Faktoren wie diese, welche bei den Mitgliedsorganisationen von plusbildung thematisiert werden, einem Verband christlicher Bildungshäuser in der Schweiz, deren Angebot sowohl touristisch als auch religiös geprägt ist.

Religion als Option Die Qualität eines touristischen Standortes, der gleichzeitig auch spirituell geprägt ist, kann sich auf einer kulturellen, einer sozialen, einer wirtschaftlichen, einer ästhetischen und auf einer religiösen Ebene zeigen. Dabei ist der Trend der Selbstfindung ein Glücksfall für die Bildungshäuser von plusbildung, das Bedürfnis der Menschen nach Entschleunigung, nach Resonanz, das Offensein für Sinnfragen. Der Wunsch nach Spiritualität allerdings ist nicht mehr an die Institution Kirche gekoppelt; Religion ist eine Option, keine Pflicht mehr. Christian Cebulj bestätigt: «Heute kann ich auswählen, was mir guttut» Und weil man aus einer Vielzahl von Angeboten auswählen könne, sei es wichtig, dass Standorte, wie etwa religiös ausgerichtete Bildungshäuser, wissen, was sie zu bieten hätten, wo sie stark seien, wo sie allenfalls etwas aufbauen müssten. «Placemaking» nennt sich diese Auseinandersetzung mit dem eigenen Angebot, was so viel bedeutet wie Standortentwicklung.

Perspektivenwechsel Religion als Tourismusfaktor verlange von Anbietern wie etwa den Mitgliedern von plusbildung einen Perspektivenwechsel, sagt Christian Cebulj: «Sie müssen die Sicht auf Religion von aussen und von innen miteinander verbinden.» Ein Perspektivenwechsel sei das deshalb, weil das kirchliche Angebot für Erwachsenenbildung nicht mehr nur Menschen anspreche, die vertraut mit Kirche seien: «Heute gehören eben auch Menschen zu ihrer Klientel, die Religion von aussen anschauen.» Man sehe das zum Beispiel bei Pilger-Angeboten, an denen Menschen teilnähmen, die «mild» religiös seien, wie es der Mainzer Theologe Kristian Fechtner ausdrücke. Menschen also, die offen seien für Input, es aber schätzten, wenn sie selbst entscheiden könnten, ob sie eher an einem theologischen oder einem philosophischen Thema interessiert seien. Er unterscheide deshalb zwischen Erlebnis und Erfahrung von Religion. Bei Angeboten, die sowohl touristisch als auch religiös seien, stehe immer das Erlebnis im Vordergrund, das habe seine Forschung gezeigt: «Die Erfahrung von Religion kann dazukommen, muss aber nicht», macht er deutlich. Deswegen brauche es Expertinnen und Experten, welche diesen Perspektivenwechsel, die Aussen- und Innensicht auf Religion zu verbinden, professionell umsetzen könnten.

Nicht nur für Eingeweihte Der Wunsch, Sinn zu finden, sich zu orientieren und persönlich zu entwickeln, sei ein Grundbedürfnis, erinnert Cebulj. Für die Mitgliederhäuser von plusbildung empfehle es sich darum, ihre Angebote niederschwellig zu gestalten, erklärt er. Also nicht nur für eine «eingeweihte» Gruppe von Menschen. Das lasse sich gut mit den Einflussfaktoren des Megatrends der Wissenskultur verbinden, etwa konstruktiv über seine Werte nachzudenken, sich auf langfristige Entscheidungszyklen einzustellen und ins Handeln zu kommen. Als Beispiele dafür fallen ihm von den über vierzig plusbildung-Häusern spontan das Gästehaus Bethanien, die Kartause Ittingen und das Zentrum Ranft ein. Zum Reflektieren, also konstruktiv mit Werten umgehen, lade etwa das Gästehaus Bethanien ein, mit seinen Einkehrtagen, der Kombination von Bergwanderung und Gebet und auch mit dem innovativen Bildungskonzept LUMEUM, einer Multimedia-Show im ehemaligen Schwimmbad des Klosters. Vorausschauen, bzw. umschalten auf langfristige Entscheidungszyklen, könne man in der Kartause Ittingen, wo sich kreative Ideen und neue Konzepte entwickeln liessen. Das Heft in die Hand nehmen schliesslich, also ins Handeln kommen, passe gut zum Zentrum Ranft mit seinen Klimagesprächen und dem ökologischen Bildungsprogramm. An diesen drei Standorten zeigt sich exemplarisch die Verbindung von touristischer und spiritueller Ebene; Bethanien und Ittingen sind ehemalige Klöster, das Zentrum Ranft war ein Haus der Dorothea-Schwestern.

Raum und Biografie Doch wenn Spiritualität nicht mehr nur an Kirche gekoppelt ist und Religion eine Option – warum belegen dann Sagrada Família, Petersdom und Mailänder Dom die ersten drei Ränge der zehn beliebtesten Sehenswürdigkeiten Europas? Auch hierzulande: am Zürcher Fraumünster standen schon zweitausend Menschen Schlange, um die weltberühmten Chagall-Fenster zu sehen – warum suchen Menschen in ihren Ferien sakrale Orte auf, während immer mehr die Kirche verlassen? Studien zeigen: Meist führen Architektur und Geschichte in die Kirche – im Kirchenschiff jedoch lässt sich selbst der nüchterne Blick überraschend oft auf einen Hauch Spiritualität ein. Hinweis darauf sind womöglich die Dutzenden von Votivkerzen, die an solchen Orten entflammt werden. «Gerade bei Menschen, die sich nicht als religiös bezeichnen würden, kann ein sakraler Raum etwas Persönliches anklingen lassen», erklärt Christian Cebulj. Der eigentliche Grund für einen Besuch sei zum Beispiel das Interesse an einer Epoche, Religion sei aber verbunden mit dem sakralen Raum, das lasse sich nicht voneinander trennen: «Räume haben das Potenzial, Religion aufzudecken», sagt er. Wer schon Kontakt gehabt habe, finde womöglich etwas wieder, eine Erinnerung aus der eigenen Biografie oder es könne ein Interesse geweckt werden, wo bisher keines gewesen sei. Dieses Potenzial sakraler Räume, etwas in den Menschen anklingen zu lassen, ist eine Chance für die Häuser von plusbildung. Womöglich fällt es den Menschen leichter, sich ihrem Bedürfnis nach Einkehr über einen touristischen Zugang als über einen kirchlichen zu öffnen. Einmal eingetreten, wirkt der sakrale Raum – ohne grosse Worte.

Neue Plattform für Kulturtourismus Derzeit begleitet Christian Cebulj das Projekt «Swiss Religious Heritage» vom Verein Kirchen + Tourismus Schweiz. Dabei geht es um eine neue digitale Plattform, die den Kulturtourismus rund um Kirchen, Klöster, Pilgerwege und sakrale Kulturlandschaften stärken soll. «Unabhängig von deren religiöser oder konfessioneller Zugehörigkeit», heisst es dazu auf der Website des Staatssekretariats für Wirtschaft (SECO), welches das Projekt mit 360’000 Franken unterstützt. Partner im Projekt sind mehrere Tourismusorganisationen und kirchliche Institutionen. Durch die neue Plattform sollen diese Angebote erstmals schweizweit gebündelt, digital vernetzt und über touristische Vertriebskanäle zugänglich gemacht werden.

 

plusbildung  Dem Schweizer Dachverband von Organisationen kirchlicher Erwachsenenbildung gehören über vierzig Bildungshäuser, Fachstellen und Organisationen aus dem katholischen, evangelisch-reformierten und ökumenischen Umfeld an. Der Verband wird vom Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation (SBFI) mit einem Leistungsauftrag sowie von den römisch-katholischen und den evangelisch-reformierten Landeskirchen finanziell unterstützt. Auf europäischer Ebene ist plusbildung vernetzt mit Oikosnet Europe, einem Verbund von über dreissig christlichen Akademien aus 18 Ländern plusbildung.ch

Curriculum Christian Cebulj (*1964) ist Professor für Religionspädagogik an der Theologischen Hochschule Chur. Der promovierte Theologe leitete Studienreisen in den Nahen Osten, wirkte an der Technischen Universität Dresden, war Lehrbeauftragter für Bibeldidaktik an der katholischen Universität Eichstätt und wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Koblenz-Landau. Cebulj leitet das Forschungsprojekt «Religion – Kultur – Tourismus» der Theologischen Hochschule Chur und ist Mitglied der Geschäftsleitung des Vereins «Kirchen + Tourismus Schweiz» thchur.ch

Forschungsschwerpunkte

Religion und Tourismus – Reisen als spirituelle Sinnsuche, religiöse Erfahrung und touristisches Erleben

Sakralräume und Bildung – Kirchen, Klöster und ihr Potenzial im Kulturtourismus

Religiöses Kulturerbe und gesellschaftliche Relevanz – Über die Beliebtheit von Kirchenräumen trotz Mitgliederschwund

Netzwerk für das kulturelle Erbe Europas

Die Theologische Hochschule Chur ist Mitglied im Netzwerk Future for Religious Heritage (FRH), einer gemeinnützigen Organisation für den Schutz religiöser Bauwerke in Europa. Im Jahr 2011 gegründet, gehören dem nicht-religiösen und unabhängigen Verband über 200 staatliche, religiöse sowie universitäre Organisationen an. Future for Religious Heritage (FRH) ist Partner im Forschungsprojekt «Religion – Kultur – Tourismus» der Theologischen Hochschule Chur frh-europe.org

Lesetipps

Cebulj C., Jahn AL. (2025): Räume, Ruhe, Rituale, in: Kirche im Tourismus, Diakonia, Internationale Zeitschrift für die Praxis der Kirche, 56. Jahrgang, Heft 2, Mai 2025, Herder Verlag, Freiburg i. Br., Basel, Wien.

Cebulj C., Höger C., Wasmeier-Sailer M. (Hg.) (2024): Topo-Theologie: Religion und Raum, Theologische Berichte 43, Herder Verlag, Freiburg i. Br., Basel, Wien.

Cebulj C., Schlag T. (Hg.) (2021): Zwischen Kreuzfahrt und Klosterküche, Formen kirchlicher Präsenz im Tourismus, Theologischer Verlag Zürich.

Fechtner K. (2023): Mild religiös, Erkundigungen spätmoderner Frömmigkeit, Kohlhammer Verlag, Stuttgart.

Bild: Verein Sakrallandschaft Innerschweiz