Der Grenzgänger. Interview mit dem abtretenden Präsidenten von plusbildung

Im Gespräch mit Walter Lüssi über den Bildungsauftrag der Kirche, das Handeln sowie den Mut, Position zu beziehen. Der ehemalige Zürcher Kirchenratsschreiber hatte den Verband plusbildung gegründet und gibt nun das Präsidium an Daniel Schmid Holz weiter.

Walter Lüssi, Sie waren Gemeindepfarrer, Glarner Kirchenratspräsident, Radioprediger, Pfarrer für Menschen mit einer geistigen Behinderung, Vorstandspräsident der Mission 21, Studienleiter auf Boldern, Zürcher Kirchenratsschreiber, die letzten zwölf Jahre Präsident von plusbildung und seit acht Jahren Präsident von Oikosnet Europe. Finden Sie jetzt wieder Zeit für die Klarinette? Als ich pensioniert wurde, holte ich meine Klarinette wieder hervor. Noch ist es nicht ganz so weit, aber die Zeit wird kommen. Ich habe jedenfalls damit angefangen, jeden Abend, manchmal auch am Morgen, wieder klassische Musik zu hören. Ich lasse Raum dafür.

Wenn Sie auf Ihre Zeit als Präsident von plusbildung zurückblicken – was war für Sie persönlich ein Meilenstein dieser Zeit? Sicher einmal, dass der Verband plusbildung überhaupt zustande kam. Ich war endlos neugierig und bin es immer noch. Als Jugendlicher verschlang ich die Werke von Albert Schweitzer. Er hatte beschlossen, dem Wort den Vorzug vor dem Handeln geben zu wollen. Ich fand das ebenfalls wichtig, kam hingegen zum Schluss, das Wort müsse transportiert werden, zum Handeln werden: Schauen, Urteilen, aufgrund von Kriterien und dann Handeln. Diese Ansicht begleitete mich bei allem, das ich machte. Wir sollten uns einmischen, Schauen, Urteilen, Handeln. Das war mein persönlicher Grundgedanke für plusbildung.

Möchten Sie in Erinnerung bleiben? Weniger als Person, aber wenn etwas von dem, was ich initiiert habe, eine gewisse Zeit weiterlebt, würde ich mich freuen.

Welchen Ruf haben Sie? Sehr unterschiedlich. Ich kann in der trockensten Sitzung einen Kommentar bringen, der die Leute zum Schmunzeln bringt. Und zugleich beharrlich dranbleiben. Zuwarten, bis der «Kairos» gegeben ist, der richtige Moment. Heute würde ich sagen, man traut mir zu, Menschen im Gespräch halten zu können; nur schon ins Gespräch bringen zu können. Und dann wird es Leute geben, die finden, ich könne nicht aufhören, ich sei doch jetzt Siebzig. Mir wäre es am liebsten, man würde über mich sagen, ich sei einer, der sich nicht vorschreiben lasse, wie man alt zu sein habe.

Welche Entwicklung im Verband macht Ihnen Mut? Wenn ich Mitglieder sehe, die neue Themen angehen, sich einmischen, neue Wege finden. Sich nicht in einer Nische einrichten, die im Moment noch funktionieren mag. Leider sind die Anzeichen deutlich, dass es schwierig ist, sich für Bildung einzusetzen, bei der nicht direkt sichtbar ist, was sie der Institution Kirche direkt bringt. Es gab zum Beispiel eine Diskussion darüber, dass bei Bildungsangeboten, bei denen der Staat anerkennt, dass damit Kompetenz für den Berufsalltag erweitert wird, man von der Mehrwertsteuer befreit ist, hingegen bei einem Angebot, das «nur» das persönliche Wohlbefinden stärkt, nicht. Gleichzeitig wissen wir, das psychische Erkrankungen zunehmen, also ist Persönlichkeitsbildung wichtig, nicht nur Dekoration, sonst zahlen wir es an einem anderen Ort, bzw. sparen am falschen Ort. Es geht um Resilienz in unserer Gesellschaft, zu der Spiritualität und Glaube beitragen.

Wo sehen Sie eine Herausforderung für den Verband? Ganz konkret: es geht um Geld, Ressourcen, um Stakeholder, denen die Arbeit von plusbildung etwas wert ist. Es braucht Menschen, die den Mut haben, das Evangelium nach aussen zu vertreten. Nicht in einem frommen Sinn, sondern im Sehen, Urteilen, Handeln. Das hat mit mir zu tun, weil ich mich selbst als Grenzgänger sehe zwischen Institution und Bewegung. Ich war Kirchenratsschreiber der Zürcher Kirche und engagierte mich, weil ich die Kirche mag, sie aber gleichzeitig kritisch sehe. Diese Spannung gehört zu mir, zu meinem Leben, meinem Handeln.

Viele Mitgliedsorganisationen nutzen den Verband kaum, andere engagieren sich aktiv. Was braucht es aus Ihrer Sicht, damit sich das ändert? Die Bandbreite der Mitglieder von plusbildung ist sehr gross und damit auch der Anspruch an den Verband. Die einen wollen uns als «Schaufenster», andere erwarten finanzielle Unterstützung vom Verband, weitere wünschen sich Reichweite durch ihre Mitgliedschaft bei plusbildung. Das Miteinander ist das Angebot des Verbands; das daraus etwas entsteht, das dem einzelnen Haus etwas zurückgibt. Und das es eine Stimme im Land gibt, welche die öffentliche Bildung der Kirchen als Kitt in unserer Gesellschaft versteht.

Das klingt nach einem «Reset» nach der Pionierphase. Geht es jetzt um eine Konsolidierung des Verbands? Es beginnt ein neues Kapitel von plusbildung. Die Mitglieder werden sich überlegen müssen, ob ihre Erwartungen erfüllt werden. Der Fokus dabei ist für mich auf dem Miteinander und einem klaren Fokus nach aussen.

Was möchten Sie Ihrem Nachfolger mitgeben? Mut, Beharrungsvermögen und viel Talent zum Verhandeln und in einem guten Gespräch sein zu können. Immer wieder daran erinnern, dass in der DNA der Kirche ein Bildungsauftrag eingeschrieben ist, der gesellschaftlich orientiert ist.

Wo sehen Sie die grösste Herausforderung kirchlicher Erwachsenenbildung? Wir sollten wieder mutiger sein, uns in gesellschaftliche Themen einmischen. Aus Angst vor Mitgliederverlust und Kürzung von staatlichen Geldern fehlt es an Haltung und Profil, wenn wir nicht sagen, was wir zu sagen haben zur Gegenwart; zu Friede, Versöhnung, Zusammenleben, den alten Themen, unserer Demokratie aktiv Sorge tragen. Ausserdem geht es für mich darum, im Gespräch zu bleiben, gerade mit Menschen, die aus der Kirche ausgetreten sind. Die womöglich gerade deshalb viel zu sagen haben zu Spiritualität und Kirche. An der Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen in Vancouver 1983 gab es einen starken Impuls: Sei mit der Vermutung unterwegs, im anderen gebe es eine Wahrheit, die deine Wahrheit bereichern könnte. Das bewegt mich. Auch das «Wächteramt» gehört dazu, gewisse Grundthemen immer wieder zu erinnern und sich engagieren. Auch deutliche Sprache. Dazu ein Beispiel in Zusammenhang mit der sogenannten Flüchtlingskrise: «Man lässt Menschen nicht ertrinken, Punkt», hörte ich einmal an einem Deutschen Evangelische Kirchentag. Kurz: Die erste Aufgabe der Kirche ist nicht, sich selbst zu erhalten, sondern, das Evangelium zu verkünden. Das ist eine grosse Herausforderung. Ich weiss. Aber letztlich geht es um eine Bewegung, die einen selbst bewegt. Davon bin ich überzeugt: man soll nichts tun, wofür man nicht Herzblut hat. Ich bin immer Teil dessen, was ich mache.

 

Zur Person Walter Lüssi (69) ist evangelisch-reformierter Pfarrer und seit acht Jahren Präsident von Oikosnet Europe. Er war Präsident von plusbildung seit 2013, während neun Jahren Vorstandspräsident von Mission 21, sechs Jahre Radioprediger, 13 Jahre Pfarrer für Menschen mit einer geistigen Behinderung, sechs Jahre Gemeindepfarrer in Linthal (GL), Glarner Kirchenratspräsident, Studienleiter auf Boldern und Zürcher Kirchenratsschreiber.

 

Ökumenische Erwachsenenbildung plusbildung ist ein schweizweiter Verband von über vierzig Bildungshäusern, Fachstellen und Organisationen aus dem katholischen, evangelisch-reformierten und ökumenischen Umfeld. Sein Ziel ist die Stärkung christlich begründeter Erwachsenenbildung. Der Verband wurde im Jahr 2013 gegründet plusbildung.ch