{"id":3679,"date":"2025-08-20T15:07:54","date_gmt":"2025-08-20T13:07:54","guid":{"rendered":"https:\/\/plusbildung.ch\/d\/?p=3679"},"modified":"2025-08-20T16:55:56","modified_gmt":"2025-08-20T14:55:56","slug":"der-grenzgaenger-interview-mit-dem-abgetretenen-praesidenten-von-plusbildung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/plusbildung.ch\/d\/der-grenzgaenger-interview-mit-dem-abgetretenen-praesidenten-von-plusbildung\/","title":{"rendered":"Der Grenzg\u00e4nger. Interview mit dem abtretenden Pr\u00e4sidenten von plusbildung"},"content":{"rendered":"<p>Im Gespr\u00e4ch mit Walter L\u00fcssi \u00fcber den Bildungsauftrag der Kirche, das Handeln sowie den Mut, Position zu beziehen. Der ehemalige Z\u00fcrcher Kirchenratsschreiber hatte den Verband plusbildung gegr\u00fcndet und gibt nun das Pr\u00e4sidium an Daniel Schmid Holz weiter.<\/p>\n<p><strong><em>Walter L\u00fcssi, Sie waren Gemeindepfarrer, Glarner Kirchenratspr\u00e4sident, Radioprediger, Pfarrer f\u00fcr Menschen mit einer geistigen Behinderung, Vorstandspr\u00e4sident der Mission 21, Studienleiter auf Boldern, Z\u00fcrcher Kirchenratsschreiber, die letzten zw\u00f6lf Jahre Pr\u00e4sident von plusbildung und seit acht Jahren Pr\u00e4sident von Oikosnet Europe. Finden Sie jetzt wieder Zeit f\u00fcr die Klarinette?<\/em><\/strong><strong>\u00a0<\/strong>Als ich pensioniert wurde, holte ich meine Klarinette wieder hervor. Noch ist es nicht ganz so weit, aber die Zeit wird kommen. Ich habe jedenfalls damit angefangen, jeden Abend, manchmal auch am Morgen, wieder klassische Musik zu h\u00f6ren. Ich lasse Raum daf\u00fcr.<\/p>\n<p><strong><em>Wenn Sie auf Ihre Zeit als Pr\u00e4sident von plusbildung zur\u00fcckblicken \u2013 was war f\u00fcr Sie pers\u00f6nlich ein Meilenstein dieser Zeit?<\/em><\/strong><strong>\u00a0<\/strong>Sicher einmal, dass der Verband plusbildung \u00fcberhaupt zustande kam. Ich war endlos neugierig und bin es immer noch. Als Jugendlicher verschlang ich die Werke von Albert Schweitzer. Er hatte beschlossen, dem Wort den Vorzug vor dem Handeln geben zu wollen. Ich fand das ebenfalls wichtig, kam hingegen zum Schluss, das Wort m\u00fcsse transportiert werden, zum Handeln werden: Schauen, Urteilen, aufgrund von Kriterien und dann Handeln. Diese Ansicht begleitete mich bei allem, das ich machte. Wir sollten uns einmischen, Schauen, Urteilen, Handeln. Das war\u00a0mein pers\u00f6nlicher\u00a0Grundgedanke f\u00fcr plusbildung.<\/p>\n<p><strong><em>M\u00f6chten Sie in Erinnerung bleiben?<\/em><\/strong>\u00a0Weniger als Person, aber wenn etwas von dem, was ich initiiert habe, eine gewisse Zeit weiterlebt, w\u00fcrde ich mich freuen.<\/p>\n<p><strong><em>Welchen Ruf haben Sie?<\/em><\/strong>\u00a0Sehr unterschiedlich. Ich kann in der trockensten Sitzung einen Kommentar bringen, der die Leute zum Schmunzeln bringt. Und zugleich beharrlich dranbleiben. Zuwarten, bis der \u00abKairos\u00bb gegeben ist, der richtige Moment. Heute w\u00fcrde ich sagen, man traut mir zu, Menschen im Gespr\u00e4ch halten zu k\u00f6nnen; nur schon ins Gespr\u00e4ch bringen zu k\u00f6nnen. Und dann wird es Leute geben, die finden, ich k\u00f6nne nicht aufh\u00f6ren, ich sei doch jetzt Siebzig. Mir w\u00e4re es am liebsten, man w\u00fcrde \u00fcber mich sagen, ich sei einer, der sich nicht vorschreiben lasse, wie man alt zu sein habe.<\/p>\n<p><strong><em>Welche Entwicklung im Verband macht Ihnen Mut?<\/em><\/strong><strong>\u00a0<\/strong>Wenn ich Mitglieder\u00a0sehe, die neue Themen angehen, sich einmischen, neue Wege finden. Sich nicht in einer Nische einrichten, die im Moment noch funktionieren mag. Leider sind die Anzeichen deutlich, dass es schwierig ist, sich f\u00fcr Bildung einzusetzen, bei der nicht direkt sichtbar ist, was sie\u00a0der Institution Kirche direkt\u00a0bringt. Es gab zum Beispiel eine Diskussion dar\u00fcber, dass bei Bildungsangeboten, bei denen der Staat anerkennt, dass damit Kompetenz\u00a0f\u00fcr den Berufsalltag\u00a0erweitert wird, man von der Mehrwertsteuer befreit ist, hingegen bei einem Angebot, das \u00abnur\u00bb das pers\u00f6nliche Wohlbefinden st\u00e4rkt, nicht. Gleichzeitig wissen wir, das psychische Erkrankungen zunehmen, also ist Pers\u00f6nlichkeitsbildung wichtig, nicht nur Dekoration, sonst zahlen wir es an einem anderen Ort, bzw. sparen am falschen Ort. Es geht um Resilienz\u00a0in unserer Gesellschaft, zu der Spiritualit\u00e4t und Glaube beitragen.<\/p>\n<p><strong><em>Wo sehen Sie eine Herausforderung f\u00fcr den Verband?<\/em><\/strong>\u00a0Ganz konkret: es geht um Geld, Ressourcen, um Stakeholder, denen die Arbeit von plusbildung etwas wert ist. Es braucht Menschen, die den Mut haben, das Evangelium nach aussen zu vertreten. Nicht in einem frommen Sinn, sondern im Sehen, Urteilen, Handeln. Das hat mit mir zu tun, weil ich mich selbst als Grenzg\u00e4nger sehe\u00a0zwischen Institution und Bewegung. Ich war Kirchenratsschreiber der Z\u00fcrcher Kirche und engagierte mich, weil ich die Kirche mag, sie aber gleichzeitig kritisch sehe. Diese Spannung geh\u00f6rt zu mir, zu meinem Leben, meinem Handeln.<\/p>\n<p><strong><em>Viele Mitgliedsorganisationen nutzen den Verband kaum, andere engagieren sich aktiv. Was braucht es aus Ihrer Sicht, damit sich das \u00e4ndert?<\/em><\/strong>\u00a0Die Bandbreite der Mitglieder von plusbildung ist sehr gross und damit auch der Anspruch an den Verband. Die einen wollen uns als \u00abSchaufenster\u00bb, andere erwarten finanzielle Unterst\u00fctzung vom Verband, weitere w\u00fcnschen sich Reichweite durch ihre Mitgliedschaft bei plusbildung. Das Miteinander ist das Angebot des Verbands; das daraus etwas entsteht, das dem einzelnen Haus etwas zur\u00fcckgibt. Und das es eine Stimme im Land gibt, welche die\u00a0\u00f6ffentliche\u00a0Bildung\u00a0der Kirchen als Kitt in unserer Gesellschaft versteht.<\/p>\n<p><strong><em>Das klingt nach einem \u00abReset\u00bb nach der Pionierphase. Geht es jetzt um eine Konsolidierung des Verbands?<\/em><\/strong><strong>\u00a0<\/strong>Es beginnt ein neues Kapitel von plusbildung. Die Mitglieder werden sich \u00fcberlegen m\u00fcssen, ob ihre Erwartungen erf\u00fcllt werden. Der Fokus dabei ist f\u00fcr mich auf dem Miteinander\u00a0und einem klaren Fokus nach aussen.<\/p>\n<p><strong><em>Was m\u00f6chten Sie Ihrem Nachfolger mitgeben?<\/em><\/strong><strong>\u00a0<\/strong>Mut, Beharrungsverm\u00f6gen und viel Talent zum Verhandeln und in einem guten Gespr\u00e4ch sein zu k\u00f6nnen. Immer wieder daran erinnern, dass in der DNA der Kirche ein Bildungsauftrag eingeschrieben ist, der gesellschaftlich orientiert ist.<\/p>\n<p><strong><em>Wo sehen Sie die gr\u00f6sste Herausforderung kirchlicher Erwachsenenbildung?<\/em><\/strong>\u00a0Wir sollten wieder mutiger sein, uns in gesellschaftliche Themen einmischen.\u00a0Aus Angst vor Mitgliederverlust und K\u00fcrzung von staatlichen Geldern\u00a0fehlt\u00a0es\u00a0an Haltung und Profil, wenn wir nicht sagen, was wir zu sagen haben zur Gegenwart; zu Friede, Vers\u00f6hnung, Zusammenleben, den alten Themen, unserer Demokratie\u00a0aktiv Sorge tragen. Ausserdem geht es f\u00fcr mich darum, im Gespr\u00e4ch zu bleiben, gerade mit Menschen, die aus der Kirche ausgetreten sind. Die wom\u00f6glich gerade deshalb viel zu sagen haben zu Spiritualit\u00e4t und Kirche.\u00a0An der Vollversammlung des \u00d6kumenischen Rates der Kirchen in\u00a0Vancouver\u00a01983\u00a0gab es\u00a0einen starken Impuls: Sei mit der Vermutung unterwegs, im anderen gebe es eine Wahrheit, die\u00a0deine Wahrheit bereichern k\u00f6nnte. Das bewegt mich. Auch das\u00a0\u00abW\u00e4chteramt\u00bb\u00a0geh\u00f6rt dazu, gewisse Grundthemen immer wieder\u00a0zu\u00a0erinnern und sich engagieren.\u00a0Auch deutliche Sprache. Dazu ein Beispiel in Zusammenhang mit der sogenannten Fl\u00fcchtlingskrise: \u00abMan l\u00e4sst Menschen nicht ertrinken, Punkt\u00bb, h\u00f6rte ich einmal an einem Deutschen Evangelische Kirchentag. Kurz:\u00a0Die\u00a0erste\u00a0Aufgabe der Kirche ist nicht, sich selbst zu erhalten, sondern, das Evangelium zu verk\u00fcnden.\u00a0Das ist eine grosse Herausforderung. Ich weiss. Aber letztlich\u00a0geht\u00a0es\u00a0um eine Bewegung, die einen selbst bewegt. Davon bin ich \u00fcberzeugt: man soll nichts tun, wof\u00fcr man nicht Herzblut hat. Ich bin immer Teil dessen, was ich mache.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Zur Person<\/strong> Walter L\u00fcssi (69) ist evangelisch-reformierter Pfarrer und seit acht Jahren Pr\u00e4sident von Oikosnet Europe. Er war Pr\u00e4sident von plusbildung seit 2013, w\u00e4hrend neun Jahren Vorstandspr\u00e4sident von Mission 21, sechs Jahre Radioprediger, 13 Jahre Pfarrer f\u00fcr Menschen mit einer geistigen Behinderung, sechs Jahre Gemeindepfarrer in Linthal (GL), Glarner Kirchenratspr\u00e4sident, Studienleiter auf Boldern und Z\u00fcrcher Kirchenratsschreiber.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>\u00d6kumenische Erwachsenenbildung <\/strong>plusbildung ist ein schweizweiter Verband von \u00fcber vierzig Bildungsh\u00e4usern, Fachstellen und Organisationen aus dem katholischen, evangelisch-reformierten und \u00f6kumenischen Umfeld. Sein Ziel ist die St\u00e4rkung christlich begr\u00fcndeter Erwachsenenbildung. Der Verband wurde im Jahr 2013 gegr\u00fcndet <strong><em>plusbildung.ch<\/em><\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Walter L\u00fcssi \u00fcbergibt das Pr\u00e4sidium an Daniel Schmid Holz<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":3683,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"footnotes":""},"categories":[5,7,1],"tags":[],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/plusbildung.ch\/d\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3679"}],"collection":[{"href":"https:\/\/plusbildung.ch\/d\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/plusbildung.ch\/d\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/plusbildung.ch\/d\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/plusbildung.ch\/d\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=3679"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/plusbildung.ch\/d\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3679\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3685,"href":"https:\/\/plusbildung.ch\/d\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3679\/revisions\/3685"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/plusbildung.ch\/d\/wp-json\/wp\/v2\/media\/3683"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/plusbildung.ch\/d\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=3679"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/plusbildung.ch\/d\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=3679"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/plusbildung.ch\/d\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=3679"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}